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„Evo Morales und seine demokratische Revolution. Ein neues Bolivien?“

Bonn, Juni 2010. Beim III. Bonner Boliviengespräch diskutierten auf Einladung des Vereins Bonn La Paz e.V. und des Ibero Clubs am 7. Juni 2010 der Buchautor Robert Lessmann, der in Bolivien geborene Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler und Mitarbeiter des Evangelischen Entwicklungsdienstes, Freddy Peña, und Hanns Jasse, Gründungsmitglied des Vereins Bonn-La Paz und ehemaliger Landesdirektor des Deutschen Entwicklungsdienstes in Bolivien. Moderiert wurde das Gespräch von  Christof Kersting. Die achtzig Bolivien-Interessierten Teilnehmer und Teilnehmerinnen beteiligten sich rege an der Diskussionsrunde.

Seit der Wahl von Evo Morales zum Präsidenten Boliviens genießt das Andenland erhöhte internationale Aufmerksamkeit. Das Wahlversprechen einer Neugründung Boliviens ließ die Welt bei der Präsidentschaftswahl von Morales im Jahr 2005 aufhorchen. In seiner Amtszeit gelang es dem indigenen Präsidenten, die Beteiligung indigener Gruppen an politischen Prozessen auf einen Höchststand zu bringen. Was hat sich durch Evo Morales für die Menschen in sozialer und ökonomischer Hinsicht verändert? Wie wird die Politik Evo Morales aufgenommen? Dies waren die zentralen Fragestellungen, denen sich die Diskutanten widmeten.

Evo Morales erste Amtszeit war von Reformprozessen gekennzeichnet. Morales, der selbst aus ärmsten Verhältnissen stammt und seine politische Karriere als Anführer von Kokabauern begann, verstaatlichte Energieressourcen, nahm eine Landreform in Angriff und leitete eine außenpolitische Neuorientierung in die Wege. Die Koka- und Drogenpolitik erfuhr einen Paradigmenwechsel. Auch in der Gesundheits-, Sozial- und Bildungspolitik kamen Reformen zum Tragen. Im Januar 2009 gab sich Bolivien mit 61 Prozent der Stimmen eine neue Verfassung, die ein neues »plurinationales« Staatsmodell definiert, die eine »Entkolonialisierung« der Gesellschaft und eine Abkehr vom Neoliberalismus proklamiert. Im Dezember 2009 wurde Evo Morales für eine weitere Amtszeit wiedergewählt.

Bolivien erlebt eine Revolution mit dem Stimmzettel, so Lessmann. Er spricht von einem Legitimationsverlust der traditionellen Parteien und einer parteipolitischen Heimatlosigkeit der alten Eliten. In Bolivien treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander, die Gesellschaft ist vielschichtig. Die Gefahr gewalttätiger Auseinandersetzungen ist nach Einschätzung von Beobachtern keineswegs gebannt. Die wichtigste Aufgabe Evo Morales sei es nun, den Zusammenstoß der Kulturen in einen Dialog der Kulturen zu überführen. Von Bedeutung ist, so Hanns Jasse, dass die mehrheitlich anerkannten politischen Visionen der Regierung Evo Morales nicht erneut in eine einseitige Bevorzugung - nun der indigenen Bevölkerungsgruppen - mündet. Freddy Peña, der von seinen Erfahrungen in Zeiten der Diktatur in Bolivien berichtet, hebt darauf ab, dass Prozesse des Aufbaus von Demokratie Zeit brauchen.

Es herrschte Einigkeit unter den Diskutanten. Ja, es gibt ein neues Bolivien, mit einer neuen Verfassung, die es umzusetzen gilt und in dem indigene Bevölkerungsgruppen erstmals Regierungsverantwortung übernehmen. Eine Umkehr ist nicht zu erwarten. 


„Desforestación (i)legal, biocombustibles, monocultivos forestales en la Amazonia en Perú. ¿Cuáles son las medidas gubernamentales y non-gubernamentales para superar una dimensión mundial?"

Bonn, Februar 2009
Der amazonische Regenwald und seine Abholzung wird aus vielerlei Blickwinkeln heraus diskutiert: dem des Menschen, der Unternehmen, der Umwelt, der Politik,… Die Schnittstellen zwischen den Themen sind überlappend. Der tropische Lebensraum ist eng verbunden mit den Rechten der indigenen Völker des Regenwaldes. Natur und Mensch haben einen Anspruch auf den Schutz von Wald und Land. Andererseits schafft die meist illegalen Arbeitsweise von Forstunternehmen durch die Abholzung Arbeitsplätze in der „agricultura migratoria“. In der Diskussion um (il-)legale Abholzungen geht es häufig darum, dass Primärregenwälder als "Museum" betrachtet werden und keine nachhaltigen Bewirtschaftungssysteme für die dortige Bevölkerung gesehen werden.

Dies muss nicht so sein. Carlos Herz befasst sich mit dieser Thematik und seinen Widersprüchen und berichtete am 4. Februar im Iberoclub aus seiner täglichen Arbeit im peruanischen Regenwald aber auch mit peruanischen Behörden und Gesetzen. Eine von ihm mitgegründete peruanische Nichtregierungsorganisation, der Verein ecoselva, hat eine enge Kooperation mit Sankt Augustin in Deutschland. Gemeinsam arbeiten beide Vereine in Peru mit Bauern- und Indiogemeinden, die Konzepte zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Primär- und Sekundärregenwälder und der Aufforstung von Mischwäldern verfolgen.

Der Anthropologe CARLOS HERZ SAENZ ist Berater unter anderem für die GTZ und InWent. Er weist eine Erfahrung von mehr als 25 Jahren im Bereich des Projektmanagements auf, die er bei Nicht-Regierungs- und Regierungsorganisationen sowie nationalen peruanischen und internationalen Agenturen der Entwicklungszusammenarbeit einbrachte. In Peru führte er mehrere Projekte der integralen lokalen Entwicklung durch. Er ist im Präsidium des Nationalen peruanischen Netzes für abgestimmte Initiativen für die lokale Entwicklung („Red Perú de Iniciativas de Concertación para el Desarrollo Local“) und Vize-Präsident des Ökologischen Forums von Peru (Foro Ecológico del Perú). CARLOS HERZ studierte Anthropologie in Ecuador und spezialisierte sich auf physikalische Anthropologie (Studium in Peru) und kommunale Forstentwicklung (Studium in Oxford, England).

Carlos Herz stellte seine Präsention als download zur Verfügung.


Koka - heilige Pflanze und Droge

Bonn, Januar 2009
"Bolivien ohne Koka ist wie das Oktoberfest ohne Bier" erklärte der aus Bolivien stammende und in Bonn lebende Agraringenieur Waldo Acebey. Gemeint war das Blatt der Kokapflanze, das für die indigene Bevölkerung Boliviens Grundlage einer Vielzahl von Produkten, eine Heilpflanze und unentbehrlich für viele traditionelle Rituale ist. Andererseits steht das Kokablatt auf Platz 1 der internationalen Drogenliste, da es durch aufwändige Verfahren Grundstoff für die Kokainherstellung ist.

Die Podiumsdiskussion "Koka - heilige Pflanze, Droge und Grundlage für Coca Cola?" führte am vergangenen Mittwoch 70 Zuhörer zu der vom Verein Bonn - La Paz e.V. und dem Iberoclub e.V. eingeladenen Veranstaltung. Neben den kulturellen Aspekten berichtete der aus Wien angereiste Journalist und Autor Dr. Robert Lessmann über die westliche Drogenpolitik und ihre Auswirkungen auf Bolivien. Der Drogenkonsum in der westlichen Welt sollte lange Zeit durch ein Verbot der Pflanze in Bolivien an der Wurzel bekämpft werden. Die militärische innere Einmischung durch die USA, so Lessmann, führte letztlich dazu, dass Bolivien einen ehemaligen Kokabauern, Evo Morales, 2006 zum Präsidenten wählte. Befürchtungen zum Trotz hat sich der Anbau von Koka in Bolivien seitdem nicht verstärkt. Im Gegenteil konnte die Anbaufläche auch ohne militärische Unterstützung der Amerikaner sogar reduziert werden, obwohl sich alternative Anbauprodukte bislang nicht bewährt haben. Im neuen Verfassungsentwurf, der vor wenigen Tagen durch eine Volksabstimmung angenommen wurde, hat nun die Kokapflanze Verfassungsstatus. Unter dem Aspekt der Biodiversität gilt sie als Naturerbe und steht somit wegen der hohen kulturellen Bedeutung unter dem Schutz des Staates.

Die Fotojournalistin Anna Böhm begleitete ihren Vortrag über die Entwicklung der politischen Lage Boliviens mit beeindruckenden Aufnahmen. Die Proteste der Kokabauern gegen ein Verbot der Pflanze noch vor Morales’ Präsidentschaft sprangen damals auf verschiedene Bevölkerungsgruppen über. Bis heute äußert sich dies in vielfältigen sozialen und regionalen Spannungen. Böhm resümierte optimistisch, dass die Situation in Bolivien zwar ernst sei, aber eine Spaltung des Landes oder ein Bürgerkrieg, wie immer wieder befürchtet wird, von niemandem in Bolivien gewollt werde.


Eine lebendige Kirche in Brasilien verhindert menschliche und Umweltkatastrophe

Bonn, Dezember 2008
Siegfried Pater, Journalist, Buchautor und Filmemacher aus Bonn, stellte am 3. Dezember 2008 im Iberoclub unter dem Titel „Lebendige Kirche in Brasilien. Dom José Rodrigues Parteilichkeit für die Armen“ das Leben und Werk eines brasilianischen Geistlichen vor, mit dem ihn eines verbindet: sein Engagement für die Umwelt und Menschen in Not.

Zwei Anliegen trafen in der Diözese Juazeiro im Nordosten Brasiliens auf Dom José Rodrigues, als dieser sein Amt antrat: die Bauarbeiten für den flächenmäßig größten Stausee Südamerikas in diesem Gebiet hatten begonnen, eine menschliche und eine Umweltkatastrophe zeichneten sich ab. Pater hierzu: "Beim gigantischen Sobradinho-Projekt wurden die Bewohner der Gegend, die überflutet werden sollte, schlicht übergangen." Unzählige Bauern und Fischer wären zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden. Der katholische Geistliche Dom José Rodrigues setzte sich engagiert für die Rechte der Bauern ein. Siegfried Pater berichtet am Abend im Iberoclub von seinen zahlreichen Aktivitäten auch anhand von Filmausschnitten. Um die engagierte Arbeit des Bischofs zu unterstützen, verfasste Siegfried Pater die Biografie „Der Bischof der Geknechteten“ und drehte im Auftrag des WDR den Film „Chico Velho – der große Fluss der kleinen Leute“. Als daraufhin über 10.000 Protestschreiben beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit eingingen, reagierte das Ministerium und leistete für die weiteren geplanten Staudämme am Rio Sao Francisco keine finanzielle Unterstützung mehr. Ohne diese öffentlichen Gelder sprangen auch die Banken ab. Eine menschliche und ökologische Katastrophe wurde gebremst.

Siegfried Pater: "DER BISCHOF DER GEKNECHTETEN - DOM JOSÉ RODRIGUES", LAMUV, Göttingen 1992, 192 S., 9,90€, ISBN: 3-88977-277-3.


Die Autonomen Gemeinschaften Spaniens auf der Suche nach kultureller Identität

Bonn, November 2008
„Der Mensch hat keine Natur – sondern Geschichte“ schreibt Ortega y Gaset. Dies beschreibt auf treffende Weise Spanien: Mobilität und Veränderung ziehen sich als roter Faden durch persönliche Biografien wie auch durch die Geschichte der Völkergemeinschaften. Spanien ist ethnisch und kulturell ein Erbe verschiedener Nationen. In Politik und Gesellschaft hat sich daraus eine stetig verändernde, offene Kultur ergeben. In einem brillanten Vortrag am 26. November 2008 im Iberoclub griff Dr. RAFAEL SEVILLA, Geschäftsführender Direktor des Centro de Comunicación Científica con Ibero-América (Zentrum für Wissenschaftliche Kommunikation mit Ibero-Amerika), Tübingen, dieses Thema auf. Sevilla stellte dabei die kulturelle Entwicklung der Autonomen Regionen in Spanien wie auch die Situation vor und nach der Franco-Diktatur als eine Antwort und ein Reaktion auf Nationalismus nach.

Der Referent, Rafael Sevilla Paños, wurde in Aragón/Spanien geboren. Er ist einer der Mitbegründer und Direktor des Centro de Comunicación Científica con Ibero-América (CCC) in Tübingen. Gleichzeitig ist Sevilla Chefredakteur der Zeitschrift “Diálogo Científico”, die sich mit gesellschaftlichen Themen, Recht und Wirtschaft auseinandersetzt. In seinen Forschungen setzt er sich vor allem mit dem kulturellen Austausch zwischen der deutschsprachigen und der spanischensprachigen Welt auseinander. Zu seinen Veröffentlichungen zählen das 2007 mit Andreas Boeckh veröffentlichte Buch „Kultur und Ent¬wicklung – Vier Weltregionen im Vergleich“ oder der 2008 erschienene Artikel „Anmerkungen zur Identität und Literatur in Lateinamerika – Mit einem Beispiel aus Chile“. Das im Iberoclub vorgestellte Thema ist Inhalt seines jüngsten Buches.


„Kontrolle parasitärer Erkrankungen in brasilianischen favelas: eine unlösbare Aufgabe?“

Bonn, Oktober 2008
Die Anzahl der Menschen, die in den Slums der Großstädte Brasilien leben, nimmt stetig zu. Die Zahl der Menschen mit parasitären Erkrankungen in den brasilianischen favelas ist erschreckend hoch, die Krankheiten scheinen nicht nachhaltig zu bekämpfen zu sein. Prof. Dr. med. JÖRG HEUKELBACH untersuchte die sanitären Verhältnisse in einer favela in Fortaleza, der Hauptstadt des Bundesstaates Ceará im Nordosten Brasiliens. Er begleitet seitdem neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit die Einwohner dieser favela mit viel persönlichem Einsatz und Engagement. Am 15. Oktober gab er einen eindrucksvollen Überblick über seine Tätigkeit und die Lebensbedingungen der ärmeren Bewohner in dieser favela. Die hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen sind prekär, und ein Großteil der Bewohner leidet an parasitären wie auch bakteriellen Erkrankungen. Durch ganzheitliche Ansätze, die neben Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und des Bildungsstandes, Gesundheitsaufklärung, Zugang zu medizinischer Behandlung die Kooperation mit lokalen Gemeindevertretern sucht, versucht er gemeinsam mit seiner Ehefrau und den Anwohnern der favela, den Teufelskreis zwischen Armut und Gesundheit zu brechen.

Jörg Heukelbach studierte Medizin in Aachen und promovierte dort in Pharmakologie. Nach klinischer Tätigkeit in Köln ging er nach Brasilien. Dort gründete er im Jahre 2002 zusammen mit Kollegen die Stiftung Mandacaru (siehe Anlage), eine gemeinnützige Institution, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Lebensbedingungen in Armensiedlungen zu verbessern. Jörg Heukelbach ist Professor für Epidemiologie an der Bundesuniversität von Ceará in Brasilien und Professor für Tropenmedizin an der James Cook-Universität in Australien. Seine Forschungsschwerpunkte sind neben der Epidemiologie und Kontrolle parasitärer Erkrankungen auch die Kontrolle von Lepra in Brasilien. Er ist mit einer brasilianischen Ärztin verheiratet und hat zwei Kinder.


Chile heute – Herausforderungen an Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Forschung

Bonn, Oktober 2008
S.E. Prof. Dr. ALVARO ROJAS wurde Anfang dieses Jahres zum Botschafter der Republik Chiles in Deutschland berufen. Mit dieser Berufung akzentuierte die chilenische Regierung die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Ländern. Die freundschaftliche Verbindung nach Deutschland begleitet auch Botschafter Rojas seit seinem Studium. Dieses führte ihn als Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung nach München. Dort schloß er sein Studium der Veterinärmedizin mit dem Doktortitel der Agrarwissenschaften ab und wirkte im Anschluss daran als Berater für CEPAL und die FAO. Als Professor für Ländliche Entwicklung, Makroökonomie und Agrarwirtschaft und bis Anfang 2008 Rektor der Universidad de Talca baute er die Universität zu einer der renommiertesten Forschungs- und Bildungseinrichtungen im Land auf und führte mehrere zukunftsweisende Studiengänge und Forschungsinstitute ein. Zusätzlich war Rojas von 1994 bis 1997 Vorsitzender des Rates für Agrarinnovation des Landwirtschaftsministeriums. Von 1997 bis 2000 wurde er in das Außenministerium als Koordinator des Programms für wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Chile und Deutschland berufen. 2006 wurde er zum Landwirtschaftsminister von Chile ernannt. Dieses Amt übte er bis Januar 2008 aus und leitete in dieser Zeit einige wichtige Reformen ein. Als roter Faden durchzieht seinen Lebenslauf, dass er sich stets engagiert für die Forschungszusammenarbeit und hier insbesondere für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Chile einsetzte und einsetzt. Diesem Thema widmete er auch den Abend im Iberoclub am 29. Oktober 208. Vor rund 90 Zuhörern stellte er die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation in Chile und Entwicklungen in Forschung und Gesellschaft vor. Dabei ging er insbesondere auf fesselnde Weise auch auf die Verarbeitung der Geschichte in der chilenischen Gesellschaft ein, die Land und Menschen deutlich prägt.

 

Bolivien vor der Verfassungsänderung - Oberbürgermeister von La Paz im Gespräch mit Bonner Bürgern

 „Ich bin erstaunt und freue mich, wie gut Bonner Bürgerinnen und Bürger über Bolivien informiert sind. Für uns ist dies eine wichtige Zeit – Bolivien steht vor wichtigen politischen Veränderung in seiner Geschichte“, sagte Dr. Juan Fernando del Granado Cosio. Juan del Granado ist Oberbürgermeister der Stadt La Paz. Dieses Amt verbindet ihn auf besondere Weise mit OB Bärbel Dieckmann, die seiner Partnerstadt Bonn vorsteht und La Paz im vorigen Jahr besuchte. Belebt wird die Städtepartnerschaft seit vielen Jahren von gegenseitigen Besuchen und gemeinsamen Projekten. Am 28. Mai 2008 gab Dr. Juan Fernando del Granado Cosio auf einer gemeinsamen Veranstaltung des Ibero-Clubs Bonn und dem Verein Bonn - La Paz eine Einschätzung zu den „Perspektiven Boliviens nach der Verfassungsänderung“. In seinem Vortrag diskutierte er die Errungenschaften und gleichzeitig die Schwierigkeiten und Hindernisse vor denen die Regierung auch nach über zwei Jahren Amtszeit steht.

Zu den Verdiensten der Regierung zählte er vor allem die positiven Veränderungen im Sozialsystem, den Wandel hin zur Integration bisher marginalisierter indigener Bevölkerungsgruppen und die Rückführung der Gasvorkommen und anderer Bodenschätze in staatliches Eigentum. Gerade über die Einnahmen aus den Gasexporten werden viele soziale Programme, wie Mindestrente und Förderung für Schulkinder, finanziert. Im Gegensatz dazu gestand Granado offen ein, dass die Regierung bei wichtigen Aufgaben einen besseren Weg hätten einschlagen können: dazu zählt er bisher fehlende Ansätze zur Bildung von Allianzen und zum politischen Dialog oder eine zu stark polemisierte Debatte der Regierung. Als Erblast bezeichnete er die tief in der Gesellschaft verwurzelte Tendenz zu Rassismus und Zentralismus in der Politik und die massiven Bestrebungen von konservativen Kräften Veränderungen zugunsten der armen Bevölkerung zu behindern, aus Angst ihren politischen und finanziellen Besitzstand zu verlieren. Eine große Herauforderung, nämlich den Dialog mit den Kräften der Autonomiebestrebungen aufzugreifen, hat die Regierung noch vor sich.

Der Vortrag des Bürgermeisters stieß auf lebhaftes Interesse. Rund 80 Bürgerinnen und Bürger nahmen auf der von der Stadt Bonn unterstützten Veranstaltung engagiert die Möglichkeit zur Diskussion mit Dr. Juan Fernando del Granado Cosio wahr. Unter den Teilnehmern waren auch zahlreiche bolivianische Mitbürgerinnen und –bürger, die zum Teil seit Jahrzehnten in Bonn leben. „Mit Juan del Granado haben wir einen erfahrenen und leidenschaftlichen Oberbürgermeister und Politiker als Partner für unsere Zusammenarbeit mit La Paz. Er hat uns die Situation seines Landes und seiner Stadt auch bei seinem diesjährigen Besuch wieder nahe gebracht. Dafür danken wir ihm sehr.“ sagte Elke Löbel. Dr. Elke Löbel ist Vorsitzende des Vereins Bonn La Paz, die Juan del Granado bereits zum vierten Mal in Bonn begrüßte. Dr. Annette Roth, Geschäftsführerin des Vereins Bonn - La Paz fügte hinzu: „Mit seiner Gegenüberstellung der Errungenschaften und auch der noch bevorstehenden Aufgaben für die Regierung Morales schaffte Dr. Juan del Granado eine ausgewogene Diskussion im Publikum“. Dr. Claudio Zettel sagte stellvertretend für den Ibero-Club: „Wir beobachten die politischen Entwicklungen in Lateinamerika mit großem Interesse und freuen uns, in Bonn inzwischen schon regelmäßig angesehene Politiker wie Juan del Granado begrüßen zu können, die uns eine offene Einschätzung der Situation Boliviens geben.“

Dr. Juan Fernando Del Granado Cosio wurde 1953 in Cochabamba geboren. Von Beruf her Rechtsanwalt, war er früh politisch engagiert. Er ist die Führungspersönlichkeit der insbesondere von jungen Bolivianern und Bolivianerinnen gegründeten Bewegung und Partei „MSM - MOVIMIENTO SIN MIEDO“, die er in La Paz ins Leben gerufen hat und mit deren Unterstützung er 1999 zum Bürgermeister von La Paz gewählt wurde. 2004 wurde er für eine weitere Legislaturperiode von fünf Jahren bestätigt. Juan del Granado ist ein exzellenter Kenner der bolivianischen Politiklandschaft und ein anerkannter Politiker. Mit seiner pragmatischen Herangehensweise an die Verbesserung der Situation der Einwohner von La Paz hat er in Bolivien eine Vorbildfunktion auch für die Entwicklung anderer Städte übernommen. Er ist Mitunterzeichner der Vereinbarung über die Städtepartnerschaft Bonn-La Paz aus dem Jahre 1999. In seiner bisherigen Amtszeit hat er Bonn mehrfach besucht und im vergangenen Jahr Oberbürgermeisterin Diekmann zu einem Gegenbesuch in La Paz empfangen. Mit Evo Morales hatte Bolivien am 22. Januar 2006 den ersten indigen Präsidenten des Landes gewählt. Das wichtigste Vorhaben der neuen Regierung war und ist die Neuformulierung der bolivianischen Verfassung. Diese würde für alle Bolivianer einschneidende Veränderungen bringen. Das Vorfeld zum Referendum über die Verfassungsänderung ist allerdings begleitet von Unruhen und einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft. Diese bestimmen derzeit das Bild Boliviens. Insbesondere aus vier Provinzen des östlichen Tieflandes erreichen Evo Morales viele Stimmen, die nach mehr Autonomie streben. Vor drei Wochen, am 8. Mai 2008, überraschte das Parlament seine eigenen Bürgerinnen und Bürger, als es mit den Stimmen der Regierungspartei und der Opposition ein Gesetz zur Durchführung einer sogenannten Abberufungsabstimmung („Ley de Revocatoria“) verabschiedete. Präsident Evo Morales hatte das Gesetz im Dezember 2007 auf den parlamentarischen Weg gebracht. Es sieht vor, dass am 10.August 2008 im ganzen Land über die Zustimmung zur bzw. Ablehnung der Politik der Regierung und der 9 Präfekten abgestimmt wird. Präsident und Vizepräsident sowie die Präfekten gelten als abberufen, wenn mehr Stimmen gegen ihre Politik abgeben werden, als sie bei ihrer Wahl im Dezember 2005 erhalten haben. Die Regierung erhofft sich durch dieses Referendum eine Stärkung ihrer Position im Machtkampf mit den oppositionellen Präfekten, die Opposition setzt darauf, mit dem Referendum eine Abstimmung über den Verfassungsentwurf der MAS auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Am 12. Mai trat das Gesetz mit der Unterschrift von Evo Morales in Kraft. Boliviens Bürgerinnen und Bürger blicken nunmehr mit großer Spannung dem Referendum im August entgegen.

 


Bonner Ibero-Club auf gutem Kurs

Bonn, Mai 2008
Auf der Mitgliederversammlung des Ibero-Clubs Bonn e.V. am Freitag, 16. Mai 2008 wurde deutlich: der traditionsreiche Bonner Verein nimmt einen neuen Aufschwung! Dies wird besonders deutlich an den Teilnehmerzahlen bei den Veranstaltungen, die sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelten. Die Mitgliederzahlen des Clubs stiegen dagegen moderater an, rund 200 Mitglieder waren Ende 2007 im Club engagiert. Insgesamt besuchten mehr als 1100 Menschen im Jahr 2007 die 28 organisierten Vortragsveranstaltungen und Exkursionen des Clubs.  Neben den Vortragsveranstaltungen bot der gemeinnützige Verein 14 Sprachkurse an, in denen 72 Schülerinnen und Schülern Spanisch lernten, des weiteren 15 Konversationstreffen, den sogenannten „tertulias“, für Spanisch und Portugiesisch. Auf diesen findet unter Moderation einer Muttersprachlerin oder eines Muttersprachlers ein lebhafter Austausch oder die Diskussion eines vorher definierten Themas statt – jedoch ausschließlich auf spanisch bzw. portugiesisch.Der Freundeskreis des Vereins umfasst inzwischen mehr als 450 Interessierte aus dem Köln-Bonner Raum, die regelmäßig zu den Veranstaltungen kommen. Tendenz: deutlich steigend. Der Club informiert seine Mitglieder und Freunde alle 14 Tage in einem elektronischen Journal, von dem im vorigen Jahr 29 Ausgaben versandt wurden. In diesem werden jeweils auf Details der Veranstaltungen des Ibero-Clubs sowie auf andere Veranstaltungen zu Iberoamerika in der Region hingewiesen.

Mit diesen Entwicklungen wurde der Erfolgskurs, der sich seit Beginn 2007 unter dem Präsidenten Dr. Claudio Zettel abzeichnete, fortgesetzt. Ergänzt wird er im Geschäftsführenden Präsidium von Adolf Ederer, Botschafter a.D. sowie dem auf der Mitgliederversammlung neu gewählten Schatzmeister und zweiten Vizepräsidenten Christian Bublic. Er tritt an Stelle von Thomas Hegenauer, der aufgrund einer beruflichen und geographischen Veränderung vom Amt zurücktreten musste. Auf der Mitgliederversammlung wurde außerdem das Präsidium erweitert um Dr. Victor Pacheco, Sebastian Rodriguez und Gerardo Müller-Albàn. Weitere Wahlen standen dieses Jahr nicht an, die Amtszeit des jetzigen Präsidiums geht bis 2009.

In diesem Jahr wartete der Club bereits mit zehn Veranstaltungen auf, bei denen sich auch für dieses Jahr ein neuer Besucherrekord abzeichnet. „Ich freue mich, dass in Bonn und Umgebung viele Menschen leben, die Interesse an Iberoamerika haben und die wir offensichtlich erreichen“, sagte Zettel. Ziel des Clubs ist es, „die Interessierten und Freundeskreisler jetzt auch längerfristig an den Club zu binden“. Wie viele Vereine ist der Club darauf angewiesen, seine Veranstaltungen aus Mitgliederbeiträgen und Spenden zu finanzieren. Die Stadt Bonn-Bad Godesberg unterstützt den Verein dahingehend, dass die Veranstaltungen meist im Haus an der Redoute in Bad Godesberg stattfinden können.


„Costa Rica – Naturparadies im Spannungsfeld zwischen Schutz und Nutzung“

Bonn, April 2008
Costa Rica hat gerade einmal die Größe des Bundeslandes Niedersachsen, verfügt aber über einen Reichtum an Tier- und Pflanzenarten wie kaum ein anderes Land. Auf nur 0,03 Prozent der Landoberfläche leben hier rund 4 Prozent aller Arten weltweit. Grund dafür ist einerseits die Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume entlang der beiden Küstenstreifen an Atlantik und Pazifik, die von den fast 4.000 Meter hohen Vulkanen der Zentralkordilleren voneinander getrennt sind. Andererseits bildet Costa Rica eine Landbrücke, auf der sich die Flora- und Fauna Nordamerikas mit der aus Südamerika vermischt. Nach über 30 Jahren intensiver Erschließung des Landes für den exportorientierten Anbau von Kaffee, Bananen und die Viehwirtschaft, war Costa Rica Ende der 80er Jahre eines der am stärksten entwaldeten Länder Süd- und Mittelamerikas. Um die wenigen noch vorhandenen intakten natürlichen Lebensräume des Landes zu bewahren, stellte das Land bis heute rund 25 Prozent seiner gesamten Landesfläche unter Schutz und unterstützt damit das länderübergreifende Schutzgebietskonzept des mittelamerikanische Biokorridors. Auch wirtschaftlich zahlte sich diese Entscheidung aus, denn inzwischen bilden Touristen aus Europa und Nordamerika, die vor allen Dingen wegen des Naturerlebnisses nach Costa Rica kommen, die wichtigste Devisenquelle des Landes. Ungeachtet dessen nimmt jedoch der Nutzungsdruck auf die Naturräume außerhalb der Schutzgebiete wieder zu, so z.B. durch den boomenden Ananasanbau.

Michael Metz, Leiter des Informationsbüros TROPICA VERDE e.V. in Frankfurt am Main, stellte am 9. April 2008 im Iberoclub Bonn anhand zahlreicher beeindruckender Bilder das Spannungsfeld vor, in dem sich Costa Rica zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Naturschutz wähnt. Metz ist Tropenwaldexperte mit dem regionalen Schwerpunkt Süd- und Mittelamerika. Im Auftrag verschiedener Institutionen der internationalen Naturschutz- und Entwicklungszusammenarbeit und auch privat hat er bereits viele Länder dieser Region bereist. Dabei gilt sein Interesse nicht nur der faszinierenden Natur der Tropen sondern auch den Menschen und Kulturen. Seit 2005 betreut er für den Frankfurter Verein TROPICA VERDE e.V. verschiedene Natur- und Artenschutzprojekte in Costa Rica. Der Verein TROPICA VERDE e.V. mit Sitz im Palmengarten der Stadt Frankfurt setzt sich seit 1989 für den Schutz tropischer Lebensräume, biologischer Vielfalt und bedrohter Arten in Costa Rica ein.


Das Ende der Stadt in Lateinamerika?

Bonn, Februar 2008
In Lateinamerika leben etwa drei Viertel der Bevölkerung in städtischen Siedlungen. Damit gilt der Kontinent als einer der am stärksten verstädterten Kulturräume der Welt, der in seiner jüngsten Geschichte einen profunden Wandel durchlebte. Noch vor rund 100 Jahren lebten lediglich 10 Prozent der lateinamerikanischen Bevölkerung in Städten. Das Städtewachstum war vor allem durch massive Landflucht, aber auch durch Zuwanderung aus dem Ausland vorangetrieben worden. Die Tragweite dieses Wandels lässt sich annähernd an einer Zahl ermessen: alleine zwischen 1950 und 1980 wanderten schätzungsweise 27 Millionen Lateinamerikanerinnen und Lateinamerikaner vom Land in Städte. Der Stadt kommt in Lateinamerika auch aus historisch-politischen Gründen eine besondere Bedeutung zu: nahezu alle wichtigen Entwicklungsprozesse nahmen dort ihren Anfang. Prof. Dr. Axel Borsdorf, der den Lehrstuhl für Geographie an der Universität in Innsbruck inne hat, beschrieb am 27. Februar 2008 im Iberoclub auf mitreissende und eindrucksvolle Art die Effekte der Globalisierung nach 500jähriger Stadtgeschichte und die heutigen Herausforderungen an lateinamerikanische Städte. Viele Städte stehen heute vor einem Kollaps. Eine stadtübergreifende Planung wird überlagert von fragmentierten Planungen, die meist von Unternehmern ausgehen. Sie bauen ganze Stadtviertel auf, die getto-ähnlichen Charakter tragen. Bedeutet dies ein Ende der Stadt in Lateinamerika?

Argentinien und der 'Linkstrend' in Lateinamerika: Nach den Wahlen weiter mit dem System Kirchner?

Bonn, Dezember 2007
Am 5. Dezember 2007 fesselte Dr. Josef Oehrlein, Korrespondent der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in Buenos Aires, die Zuhörer des Iberoclubs mit seiner Analyse der politischen Situation in Argentinien und Partnerländern in Lateinamerika. Argentinien steht vor einer nie gekannten Situation nach der Wahl von Cristina Fernández de Kirchner, der Ehefrau des ehemaligen Präsidenten Nestor Kirchner, zur Präsidentin des Landes. Unter dem bisherigen Präsidenten Nestor Kirchner machte das Land deutliche wirtschaftliche Fortschritte. Es wird spannend sein, Argentinien auch weiter zu begleiten: wird es unter der neuen Präsidentin Änderungen geben oder wird eine neue Dynastie in Lateinamerika geschaffen? Der Vortragende, Dr. Josef Oehrlein, geboren 1949 in Mainz, studierte Romanistik und Geographie in Heidelberg und Madrid. Er promovierte in Heidelberg mit einer Dissertation über die Arbeit der Schauspielertruppen im klassischen spansichen Theater. 1978/79 arbeitete er als Feuilletonredakteur bei der "Allgemeine Zeitung" Mainz und ist seit November 1979 bei der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Seit April 1999 wirkt er als Korrespondent der F.A.Z. für Lateinamerika von Buenos Aires aus.

 

 

Stand: 08.07.2010
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